Beamtengewerkschafter Fritz Neugebauer wehrt sich gegen Hannes Androschs Blockierer-Vorwurf. Von Unterrichtsministerin Claudia Schmied fordert er im Interview raschere Dienstrechtsverhandlungen.

Die Presse: Hannes Androsch klagt über mangelnde Unterstützung für sein Bildungsvolksbegehren. Kann er mit Ihrer Unterschrift noch rechnen?

Fritz Neugebauer: Nein. Er hat vergangenen Donnerstag ganz dringend um einen Termin bei mir gebeten, bei dem wir uns eine Dreiviertelstunde gut unterhalten haben. Er hat mich bei dem Treffen gebeten, ob ich nicht ein positives Wort für sein Volksbegehren finden könnte. Umso überraschter war ich, als ich zwei Tage später in der „Presse“ einen Rundumschlag lesen musste, bei dem er keinen verschont hat.

Androsch sagt, „einer der größten Blockierer sitzt als Chef der Beamtengewerkschaft im Parlament“. Damit meint er eindeutig Sie.

Ja, das ist mir neu. Wir haben an sich ein amikales Verhältnis. Mir so etwas über die Medien auszurichten, entspricht nicht der Offenheit, in der ich gewohnt bin, mit Leuten umzugehen. Auch Unterrichtsministerin Claudia Schmied ist einigermaßen verstört über die Kritik an ihrer Bildungspolitik – wo sie doch gerade die Schwerpunkte präsentiert hat, an denen sie gemeinsam mit ÖVP-Bildungssprecher Werner Amon arbeitet. Und wie er auf die Frage, ob Faymann für den Job als Kanzler geeignet sei, „das weiß ich nicht“ antworten kann, ist mir überhaupt ein Rätsel.

Ist es nicht ein trauriges Zeichen, wenn ein 73-jähriger Ex-Politiker der Regierung erklären muss, wie eine Bildungsreform aussehen könnte?

Das tut er ja gar nicht. Er spannt den Bogen von der Frühkindpädagogik bis zu den Universitäten. Das kann ich aus dem Regierungsprogramm auch abschreiben. Ich habe Androsch gesagt, dass ich das Volksbegehren für entbehrlich halte. Auch, weil ich als Pädagoge in einem Punkt völlig anderer Meinung bin: bei der Differenzierung. Man muss auf unterschiedliche Begabungen der Schüler eingehen, mit kleineren Klassen und mehr Personal. Nicht mit der undifferenzierten Gesamtschule, auf die Androsch draufhüpft, obwohl er seine eigenen Kinder wahrscheinlich in Elitegymnasien geschickt hat.

Bei der Gesamtschule ist Schmied mit Androsch einer Meinung. Sie sagt, die Neue Mittelschule (NMS), die nun mit der ÖVP beschlossen wurde, bringe sie ihrem Ziel einer Gesamtschule einen großen Schritt näher.

Das sehe ich anders. Die Langform des Gymnasiums wird erhalten bleiben. Gut an der NMS ist, dass die Form der Differenzierung standortbezogen organisiert werden kann. Das verhandelt Amon gerade mit der Ministerin. Und das ist klug: Eine Schule im 20. Wiener Gemeindebezirk funktioniert per se anders als etwa eine in Litschau. Die Lehrer vor Ort wissen am besten, wie Schüler zu fördern und zu fordern sind.

Androsch sagt, viele Lehrer trauen sich nicht zu unterschreiben, weil sie Angst vor „Repressalien“ der Gewerkschaft hätten. Ein schwerwiegender Vorwurf.

Da kann ich nur mitleidig lächeln. Erstens ist unsere Gewerkschaft nicht „allmächtig“, wie Androsch behauptet. Die Allmacht steht jemand anderem zu. Und die Lehrer sind uns, anders als er behauptet, auch nicht egal. Das Gegenteil ist der Fall. Es ist bemerkenswert, welchen Zustrom die Lehrergewerkschaften erlebt haben. Etwa, als die Ministerin die Lehrverpflichtung erhöhen wollte, wodurch bis zu 10.000 Lehrer ihren Job verloren hätten. Bei dem Vorhaben hat sie nicht einmal der Kanzler gestützt.

Auch in den laufenden Verhandlungen um ein neues Dienstrecht ist wieder von einer Erhöhung der Lehrverpflichtung die Rede.

Ich habe noch nichts davon gehört, dass unsere Lehrergewerkschaften seit einer ersten Begegnung mit der Ministerin je wieder zu Verhandlungen geladen wurden.

Geht der Prozess zu langsam voran?

Ja. Es wurde immer gesagt, dass das Dienstrecht noch in diesem Jahr stehen solle. Ich empfehle der Ministerin, statt monatelang zu warten, endlich mit der Lehrergewerkschaft einen realistischen Fahrplan ausarbeiten.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 17.06.2011)

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