Militärhistoriker Rauchensteiner über „unsere Buam, unsere Soldaten“, unsinnige Grenzeinsätze und wo in Österreich die militärische Welt noch heil ist

STANDARD: Sehen Sie als Militärhistoriker in der aktuellen Debatte um die Wehrpflicht Argumentationsmuster, die historisch irgendwie typisch sind für den Umgang der Österreicher mit ihrem Heer?

Rauchensteiner: Der Umgang der Österreicher mit ihrem Heer ist nicht immer gleichzusetzen mit dem Umgang der Regierung mit ihrem Heer. Letzterer war bestenfalls ambivalent. Aber auch 1991, nach dem letzten großen Einsatz des Heeres an der slowenischen Grenze, wo es am Beginn des Zerfalls von Jugoslawien über einen Monat einen hoch willkommenen Grenzsicherungseinsatz gab, war das Bundesheer bei den Sicherheit produzierenden Einrichtungen Österreichs gleich wieder auf Platz acht abgerutscht, also weit hinten. Und das Sozialprestige, etwa der Unteroffiziere, war entsetzlich tief. All das stand immer in deutlichem Gegensatz dazu, dass das Heer insgesamt, vor allen, wenn es gebraucht wurde, höchste Akzeptanz gehabt hat. Wie man es auch jetzt erlebt: Hochwasser, Lawinenkatastrophen etc. Da kommt unweigerlich der Ruf, wo ist denn unser Bundesheer?!

STANDARD: Und wie hat es die Politik mit „ihrem“ Heer gehalten?

Rauchensteiner: Durchgängig war es keiner Partei so wichtig, als dass da wirklich eine dauerhafte Zuwendung zu beobachten gewesen wäre. Was wir momentan erleben, hat vielleicht mit Kreiskys Slogan „Sechs Monate sind genug!“ eine Art Präfiguration erfahren. Berufsheer war aber ganz sicher kein Thema. Kreisky hätte das als das Absurdeste und Schrecklichste auf der Welt zurückgewiesen, weil für ihn das Bundesheer immer auch jene gefährliche Masse war, die notfalls in einem Bürgerkrieg eine Rolle spielen könnte, daher war die allgemeine Wehrpflicht immer das Selbstverständlichste. Heute ist das anders. Gleich geblieben ist die breite Ablehnung der Offiziere gegenüber einer Hau-ruck-Aktion. 1970 haben 1700 Offiziere Kreisky – das Militär war damals Chefsache – einen Absagebrief geschrieben, weil sie die Verkürzung des Wehrdiensts für unverantwortlich hielten. Man fand schließlich zu einer Reform, der die Offiziere zustimmen konnten – zwei Monate Wiederholungsübungen dazu und aus den sechs Monaten wurden acht. Dann gab es zwei Generäle als Verteidigungsminister – Johann Freihsler und Karl Lütgendorf – und einen hochangesehenen Armeekommandanten, Emil Spannocchi. Da war das Heer, wie es schien, aus dem Wasser. Aber gerade beim Bundesheer kann man nie davon ausgehen, dass es lang aus dem Wasser ist. Das Heer kämpft immer gegen das „Ersaufen“.

STANDARD: Verteidigungsminister Norbert Darabos (SPÖ) betont das Primat der Politik in der Diskussion um das Heer. Wie wichtig ist in einer Demokratie, dass Zivilgesellschaft und Heer verzahnt sind?

Rauchensteiner: Der politische Akt geht insofern jedem anderen voran, als man erst mit dem möglichst kompletten Wissen seine Entscheidungen vorbereitet und in das Heer hineinträgt. Dort sind die nächsten Schritte zu setzen. Man hat freilich immer Schwierigkeiten mit Ministern, die sich der Beratung dadurch entziehen, dass sie sagen, das ist politische Vorgabe oder: „Ich weiß es besser.“

STANDARD: Sind die Militärs jetzt zu wenig eingebunden?

Rauchensteiner: Das ist ja das Merkwürdige, im Heer wurden alle Gedanken und Modelle, die jetzt virulent sind, seit vielen Jahren diskutiert. Berufsheer oder Heer der allgemeinen Wehrpflicht oder Mischformen – die Antworten sind alle gegeben worden. Überraschend ist, dass darauf nicht zurückgegriffen wurde. Das hat wahrscheinlich dazu beigetragen, dass der Konflikt eskaliert. Das Misstrauen des Heers gegenüber der Politik rührt daher, dass seitens der Politik so gut wie alle Versprechen gebrochen worden sind.

STANDARD: Was spricht aus Ihrer Sicht für die Wehrpflicht?

Rauchensteiner: Es haben sicher jene recht, die sagen, das Heer der allgemeinen Wehrpflicht verankert wie kein anderes Modell die Soldaten in der Bevölkerung. Soldaten haben an Tagen der Angelobung immer ganz selbstverständlich das Gefühl einer besonderen Zuwendung: Das sind unsere Buam, das sind unsere Soldaten. Es haben aber leider auch jene recht, die sagen, jenseits meiner Rekrutenausbildung war das ein unendlich öder Dienst und wir sind nur herumgehangen. Für die war es dann wirklich vertane Zeit. Es gibt auch markante Unterschiede zwischen den Bundesländern. In einigen ist die heile militärische Welt nach wie vor angesiedelt, ich denke an Kärnten und die Steiermark. Und dann gibt’s natürlich jene, die sagen, das Heer ist immer der große Katastrophenhelfer. Aber in erster Linie ist für jedes Heer zunächst einmal die militärische Präsenz gefordert und nicht, dass die Soldaten mit hohen Stiefeln in einen Wildbach hineinsteigen oder Verschüttete ausbuddeln, obwohl das toll ist.

STANDARD: Aber den Nebeneffekt hat, dass die „Kernaufgabe“ allmählich in den Hintergrund geriet.

Rauchensteiner: Ich habe es einmal so formuliert: „Vom Helden zum Schneeschaufler der Nation“. Das hat massiven Widerspruch hervorgerufen. Ja, das ist eben genau dieses Grenzgebiet zwischen Gebrauch und Missbrauch. An erster Stelle muss halt nach wie vor stehen: Soldaten sind dafür da, Sicherheit zu produzieren. Das nächste ist, dass sie für innenpolitische Katastrophen jeglicher Art zur Verfügung stehen, notfalls Assistenzen leisten. Ein Berufsheer hätte den letztlich unsinnigen Assistenzeinsatz an der Grenze im Burgenland und in Niederösterreich durch 20 Jahre hindurch nie erbringen können. Das grenzt denn auch an Missbrauch!

STANDARD: Ist Soldat unter der Prämisse eines Berufsheers ein Beruf wie jeder andere auch?

Rauchensteiner: Es ist kein ganz gewöhnlicher Beruf und sollte auch keiner sein. Die Anforderungen an einen Soldaten sind andere als an einen Arzt oder Rechtsanwalt oder Rauchfangkehrer. Es bedarf einer nennenswerten ethischen Komponente, damit man sich des vollen Berufsrisikos und der Besonderheit des Berufs bewusst wird. Soldaten müssen ja notfalls, wie sie es geloben, ihr Leben einsetzen und haben es in der Hand, Leben zu vernichten.

STANDARD: Kritiker eines Berufsheers führen als Argument ins Treffen, dass es die Falschen anziehen könnte. Also diejenigen, die Krieg spielen und an Waffen herankommen wollen.

Rauchensteiner: Das Problem scheint virulent zu werden, wo es zu wenige Freiwillige gibt. Wenn man beginnt, Leute wahllos zu nehmen, ist die Gefahr groß, dass da Existenzen hineinwachsen, die beim Heer eigentlich nichts verloren haben. Wenn aus vergleichbaren Ländern wie aus den Niederlanden Signale kommen, die besagen, wir bringen nicht genug Freiwillige zusammen und sind gezwungen, schon alle und jeden zu nehmen, dann gibt das zu denken. Da ist der Knackpunkt. Berufsheer klingt ja ganz toll. Aber dann muss man sich über die Dimensionen klar sein. Das kann nur eine vergleichsweise kleine militärische Komponente sein – und die Soldaten eines Berufsheers werden auch nicht alle Aufgaben erfüllen können. Es gibt dann zwei Möglichkeiten: Entweder lagert man Aufgaben, die das Heer nicht mehr wahrnehmen kann, an andere Organisationen aus – oder, was bis 2000 diskutiert wurde: Österreich gibt seine Neutralität auf und wird Nato-Mitglied. Dann haben wir allerdings fast verpflichtend relativ hohe militärische Ausgaben zu tätigen und sind in ein großes Bündnis eingebunden. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.2.2010)

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